Die Anfänge künstlerischer Selbstportraits liegen bereits in der ägyptischen Kunst.
Jedoch erst in der Renaissance avancieren Selbstportraits zum festen Bestandteil künstlerischer Arbeiten.
In früheren Werken tauchen die Künstler versteckt oder als Kommentatoren in religiösen, mythologischen oder historischen Ereignissen auf, die auf die Bildfläche gebannt wurden. Allmählich werden gesellschaftliche Stellung, moralische Position, künstlerische Legitimation oder Gemütszustände visualisiert und dabei schlüpfte der Künstler nicht selten in eine Kostümierung, welche die inhaltliche Zielsetzung unterstreicht. Der Spiegel diente als wichtiges Hilfsmittel.
Das Bild der Frau in der Kunstgeschichte ist ein im Wesentlichen vom männlichen Blick geprägtes Bild, das ein Ideal der jeweiligen Zeit widerspiegelt und dem eine Projektion männlicher Wünsche zugrunde liegt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es Frauen nicht erlaubt, Akademien zu besuchen, und dort die Malerei von Grund auf zu erlernen.
Bemerkenswert ist daher der Weg, den Malerinnen mit Hilfe des Selbstporträts zur Anerkennung als Künstlerinnen beschritten, wobei sie ebenso wie ihre männlichen Kollegen auch das Thema der Vergänglichkeit und des Todes nicht ausschlossen.
Das weibliche Selbstportrait in der Fotografie
(Auszugsweise übernommen aus Anna Wondrak, Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierung)
In der Fotografie fanden Frauen eine perfekte Möglichkeit, sich jenseits der von Männern beherrschten Lehrstätten künstlerisch mit dem eigenen Ich auseinander zu setzen. Als leicht und eigenständig erlernbares Handwerk avancierte die Fotografie schnell zum neuen Medium der Selbsterforschung, in dem sich Frauen in Rollenspielen und Maskeraden inszenierten und Klischees und Stereotypen weiblicher Repräsentation in Frage stellten und untersuchten.
Ab etwa 1920 kommen neue Stilmittel zum Einsatz. Künstlerinnen wie Florence Henri, Germaine Krull oder Hanna Höch arbeiten mit ironischen Anspielungen, Überblendungen oder gezielten Inszenierungen in Rollenspielen. In Abwendung von der klassischen Bildauffassung betreten sie neue Wege auf der Suche nach Identität. Durch Spiegelungen verdoppelte Selbstportraits sowie Mehrfachbelichtungen deuten auf einen definitiven Wandel des Frauenbildes in der Gesellschaft hin.
Dass die Fotografie besonders zur Zeit des Surrealismus zu einem bedeutenden Darstellungs- und Bildmittel avancierte, bewies auf eindrucksvolle Weise die französische Künstlerin Claude Cahun. Ihre Arbeiten kreisen um künstlerische und sexuelle Identität. Dabei spielt Cahun in ihren meist androgynen Selbstportraits mit der Ambivalenz von Geschlechteridentitäten und erreicht dadurch eine Loslösung von männlich geprägten Vorstellungen.
Als in den 1960ern und 70ern der feministische Diskurs aufkam, wurde auch der Objektstatus der Frau genau untersucht und kritisiert. Die Grenzen zwischen eindeutigen Rollen von Mann und Frau in der Gesellschaft verwischten, was ein steigendes Interesse an der Zuweisung von sexueller Identität zur Folge hatte. Mit dieser Thematik beschäftigten sich auch die Künstler Jürgen Klauke und Robert Mapplethorpe. Letzterer testete in einem Selbstportrait als Frau die Möglichkeiten von Bild und Abbild aus. Doch trotz allen Hineinversetzens können Männer diesen Blick nur von außen leisten. In der Darstellung weiblicher und innerer Zustände nähern sich Künstlerinnen wie Diane Arbus und Nan Goldin in ihren Portraits von Transvestiten sensibel einer emotionalen Ebene, die den Betrachter scheinbar nah an die Dargestellten heran lässt.
In der Ergründung von Weiblichkeit und der Suche nach dem eigenen Ich bricht schließlich Valie Export Ende der 60er Jahre mit Hilfe des eigenen Körpers mit der in der Gesellschaft verbreiteten Auffassung von der Frau.
Nach Cindy Sherman kam eine neue Künstlerinnengeneration, zu denen Pipilotti Rist, Monica Bonvicini oder Sarah Lucas zählen. Rist verbindet in ihren Videoarbeiten Gewalt und weibliche Auflehnung, um die Differenz der Geschlechter aufzuheben und einen neuen, von alten Vorstellungen losgelösten Blick auf die Frau zu ermöglichen. Sarah Lucas provoziert in ihrer Serie „Self Portraits“ (1990-1998) den Betrachter in männlichen Posen und stellt sich selbstbewusst dem oft diskriminierenden männlichen Rollenverständnis entgegen.
Die Japanerin Tomoko Sawada (*1977) beschäftigt sich intensiv mit dem eigenen Körper, den sie in verschiedene Identitäten versetzt und somit eine Projektionsfläche und Vorlage für zahlreiche Rollen bietet. Die provokante Sexualisierung der Frau wird hingegen von der Mexikanerin Daniela Rossell (*1973) zelebriert, indem sie ihre Darstellerinnen bewusst in aufreizender Haltung posieren lässt. In dieser neuen jungen Künstlerinnengeneration zeichnet sich auf der Suche nach Identität ein performantives Element ab, das selbstbewusst in den verschiedensten medialen Formen Ausdruck findet.
Allen Arbeiten, ob historisch oder zeitgenössisch, ist eine wie auch immer geartete Inszenierung gemein. Gewisse Motive und Themen sind zeitlos und werden immer wieder hinterfragt. Auf der Suche nach Identität wird das Bild der Frau stetig neu konstruiert. Daran lässt sich auch die Emanzipierung der Frau ablesen. Den Grundstein hierfür legten die Künstlerinnen in ihrem eigenen Kunstverständnis.
(Auszugsweise übernommen aus Anna Wondrak, Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierung)